03.11.2013

Friedrich Zawrel (juridikum 4/2002)

Der Lebensweg von Friedrich Zawrel ist Gegenstand von Büchern, Filmen und Theaterstücken. Seit Jahren berichtet Zawrel in Schulen von den Verbrechen der Nationalsozialisten, deren Opfer er selbst war. Die Stadt Wien würdigte Friedrich Zawrel für sein Engagement 2008 mit dem Goldenen Verdienstzeichen. Am 15. Mai 2013 überreichte Bundesministerin Claudia Schmied Friedrich Zawrel das Goldene Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich

Vor kurzem sprach Friedrich Zawrel gemeinsam mit dem Schauspieler Nikolaus Habjan, der für seine Figurentheaterproduktion "Friedrich Z.- Erbbiologisch und sozial minderwertig." den Nestroy-Preis 2012 erhielt, vor angehenden Richterinnen und Richtern. Ich durfte Friedrich Zawrel bereits 2002 kennenlernen - unter dem Eindruck dieser ersten Begegnung habe ich damals einen Beitrag für die Zeitschrift juridikum (Heft 4/2002) verfasst, den ich, einem Wunsch Friedrich Zawrels gern entsprechend, nun online stelle. 

Friedrich Zawrel und Nikolaus Habjan beim Vortrag vor RichteramtsanwärterInnen
in  der Gedenkstätte im Otto Wagner Spital in Wien am 17.10.2013


Friedrich Zawrel – ein Lebensschicksal als Mahnung


Text für die Zeitschrift juridikum, Heft 4/2002

Oliver Scheiber

28. April 2002, Wien, Zentralfriedhof.

An diesem Tag findet am Wiener Zentralfriedhof die Beisetzungsfeier für die von den Nationalsozialisten ermordeten Kinder vom Spiegelgrund statt. Rund sechzig Jahre nach ihrer Ermorderung finden die Kinder eine letzte Ruhestätte. Friedrich Zawrel hat viele der Toten persönlich gekannt. Ein paar Tage später wird Friedrich Zawrel seine kleine Wohnung in Ottakring verlassen und ins Cafe Hummel in der Josefstadt fahren, um dort einige Richter zu treffen und ihnen aus seinem Leben zu berichten; er wird zuerst von seiner defekten Heizung und seiner Bypass-Operation erzählen, dann von seiner Jugend und seinem Lebensweg, der ein Leidensweg war. Dazwischen wird er mit einem verschmitzten Lächeln immer wieder von den Menschen schwärmen, die ihn in den letzten Jahren unterstützt haben und ihm lieb geworden sind: von Waltraud Häupl, Karin Mosser, Hannah Lessing und Werner Vogt.

Juli 1935, Wien-Kaisermühlen.

Friedrich Zawrel ist fünf Jahre alt, als seine Mutter die Miete für die kleine Wohnung in Kaisermühlen nicht mehr zahlen kann. Die Familie wird delogiert, die Kinder werden der Mutter abgenommen und in die Kinderübernahmestelle gebracht. Für Friedrich Zawrel beginnt ein jahrelanger Leidensweg: zunächst kommt er zu Pflegeeltern nach Simmering. Dort wird er geschlagen, er muss bis neun Uhr abends in der Landwirtschaft arbeiten. Wegen Wehrunwürdigkeit seines Vaters bleibt Friedrich Zawrel vom deutschen Jungvolk und der Hitlerjugend ausgeschlossen – für den Volkschüler bedeutet der Ausschluss Verhöhnungen durch die Mitschüler und eine bleibende Außenseiterrolle. 1939 läuft Friedrich Zawrel endgültig von der Pflegefamilie davon und wird schließlich 1941, elf Jahre alt, in das Städtische Erziehungsheim „Am Spiegelgrund“ eingewiesen. Bei der Aufnahme wird er von Dr. Heinrich Gross untersucht.       

In den folgenden Jahren wird Friedrich Zawrel in wechselnden Heimen untergebracht; die meiste Zeit wird er am Spiegelgrund angehalten. Er wird Zeuge des Euthanasieprogramms der Nazis, der systematischen Ermordung von Kindern. Friedrich Zawrel wird von Heinrich Gross, von anderen Ärzten und vom Pflegepersonal jahrelang gefoltert. Heinrich Gross verabreicht Zawrel die gefürchteten “Speibinjektionen”: sie lösen tagelange schwere Übelkeit aus. Andere Injektionen bewirken, dass die Muskeln versagen und schmerzen; die Kinder können tagelang nicht gehen. Immer wieder wird Zawrel Opfer der Wickelkur: er wird vom Personal in nasse Leintücher gewickelt und tagelange so verschnürt liegen gelassen; Zawrel liegt im eigenen Urin.  Nicht nur einmal wird er von Erziehern und Ärzten geschlagen, wiederholt in die kalte Badewanne und anschließend auf den Steinboden geworfen. Das Essen wird ihm und den anderen Kindern von sadistischen Schwestern vom Teller auf den Boden geschüttet, so dass die Kinder es aufschlecken müssen. Die von den Schwestern über die Kinder angelegten schriftlichen Aufzeichnungen (“Schwesternberichte”) enthalten über Friedrich Zawrel unter anderem folgende Eintragungen: „aktiv antisozial, staatsfeindliche Gesinnung. Bei einem Gespräch über die Kriegslage zeigt er Schadenfreude und würdigt Siege und Erfolge zu wenig. Er strebt auf die Seite der Feinde. Wenn die Bolschewiken kommen, werde er zu den Partisanen gehen.“ Von einem Erzieher wird Zawrel sexuell missbraucht; die Ärzte werden die Schuld dem Kind zuweisen und den Vorfall als Ausdruck einer charakterlichen Missbildung Zawrels werten.
Der Leiter der Anstalt „Am Spiegelgrund“, Illing, stellt Zawrel immer wieder nackt auf ein Podest vor Schwesternschülerinnen und erläutert mit einem Zeigestab die Merkmale der „erbbiologischen und soziologischen Minderwertigkeit“ des Kindes. Unter dem Gelächter der jungen Frauen treibt er das Kind mit einem Zeigestab auf das Podest und vom Podest herunter. Für Friedrich Zawrel wurde dies zur schlimmsten aller Qualen – es wird mehr als fünfzig Jahre dauern, bis er über diese erniedrigenden Vorführungen sprechen kann. „Ich verdanke es Hannah Lessing, dass ich das, spät aber doch, aufgearbeitet habe“, sagt er heute. „Ich bin früher davongelaufen, wenn junge Frauen auf der Straße neben mir gelacht haben.“

Friedrich Zawrel überlebt den Spiegelgrund auf Grund seiner außergewöhnlichen Willensstärke und Zähigkeit. Er flieht 1944 mit Hilfe einer Krankenschwester aus der Anstalt und hält sich als Kohlenausträger über Wasser. Ein Bekannter des Kohlenhändlers behauptet, Zawrel habe versucht, ihn zu betrügen. Ein Straverfahren wird eingeleitet; ausgerechnet Ernst Illing erstattet ein Gutachten im Gerichtsverfahren. In seinem Gutachten vom 12.1.1944 schreibt Illing über den damals 14-jährigen Friedrich Zawrel: „charakterlich abartig, monströse Gemütsarmut“. Er zitiert den oben wiedergebenen Schwesternbericht über die vermeintliche politische Unzuverlässigkeit des Kindes Zawrel. Den sexuellen Missbrauch Zawrels durch den (deswegen gerichtlich verurteilten) Erzieher lastet Illing dem missbrauchten Kind an und spricht von „homosexuellen Vorkommnissen“. Zawrel stamme aus einer „erbbiologisch und soziologisch minderwertigen Familie“.

Der abstruse Inhalt dieses Gutachtens wird Friedrich Zawrel ein Leben lang verfolgen: zunächst führt es dazu, dass der 14-Jährige zu achtzehn Monaten Jugendhaft verurteilt wird. Friedrich Zawrel wird in die Haftanstalt Rüdengasse eingeliefert. Als sich die Russen Wien nähern, wird Zawrel mit 300 anderen Kindern auf ein Schiff gebracht, das Richtung Passau fährt. Die Nazis versuchen in ihrem Wahn, die Kinder nach Deutschland zu bringen. Am Schiff verhungern und verdursten ungezählte Kinder; Zawrel muss zusehen, wie die Leichen über Bord geworfen werden. Die Amerikaner befreien die Kinder in Regensburg. Am Weg zurück nach Wien wird Zawrel ohne Geld und Unterkunft von Gendarmen angetroffen. Er wird wegen Landstreicherei festgenommen und zum zweiten Mal gerichtlich verurteilt – zu acht Tagen Gefängnis.

Die Gerichte werden sich mehr als dreißig Jahre später nicht scheuen, das Gutachten des wegen des Mordes an unzähligen Kindern hingerichteten Nazi-Arztes Illing vom 12.1.1944 wiederum zur Grundlage eines Urteils zu machen. 

Das erste Zusammentreffen zwischen Friedrich Zawrel und Heinrich Gross datiert aus dem Jahr 1941. Gross ist damals 26 Jahre alt. 1932 ist er der Hitlerjugend beigetreten, 1933 der SA, 1938 der NSDAP. 1939 promoviert er und wird 1940 Anstaltsarzt am Spiegelgrund. In der dortigen Anstalt fallen 789 Kinder dem Euthanasieprogramm der Nazis zum Opfer.

Jänner 1960, Wien.

Heinrich Gross wird am 21.1.1960 in die Liste der gerichtlich beeideten Sachverständigen, Fachgebiet Psychiatrie, eingetragen. Bereits seit 1958 erstattet er Gutachten für Gerichte. Die Nachkriegsjustiz ist mit Gross wohlwollend verfahren: zwar wurde er 1948 in Untersuchungshaft genommen und 1950 wegen „Beihilfe zum Totschlag an Kindern“ zu zwei Jahren schweren Kerkers verurteilt; bereits 1951 wurde das Urteil wegen angeblicher Verfahrensmängel aber wieder aufgehoben und zur neuerlichen Verhandlung an den Volksgerichtshof zurückverwiesen. Kurz darauf wird das Verfahren ohne neuerliche Verhandlung – aus prozessökonomischen Gründen im Hinblick auf die verbüßte Untersuchungshaft – eingestellt. Gross beantragt „Haftentschädigung“: sein Antrag wird abgewiesen, der Verdacht sei nicht entkräftet.

Friedrich Zawrel ist es nach der Befreiung durch die Amerikaner und die Verurteilung wegen Landstreicherei weniger gut ergangen. 1950 arbeitet Friedrich Zawrel bei einer Auslieferfirma; er ist Mitfahrer im LKW und mit dem Inkasso beauftragt. Dabei laufen große Geldmengen durch seine Hände. Zawrel geniert sich für seine Vorstrafen; er hat sie seinem Chef bei der Einstellung verschwiegen. Der Chef mag den damals 21-jährigen Zawrel und drängt ihn 1950 immer mehr, den Führerschein zu machen. Friedrich Zawrel erkundigt sich bei der Polizei: die beiden Vorstrafen werden nicht gelöscht und bilden ein Hindernis für die Ablegung der Führerscheinprüfung. Zawrel legt seinem Chef nun alles offen: dieser sagt nur: „Hättest Du mir das früher erzählt, hätte ich Dich weniger sekkiert wegen dem Führerschein. Es bleibt alles, wie es ist, mach nur Deine Arbeit.“ Für Friedrich Zawrel ist aber nichts wie früher. 2002 sagt er darüber: „Ich habe das Inkassogeld gehabt und Waren geliefert wie vorher auch. Sicher hat mich auch der Chef nicht mehr kontrolliert als früher. Ich habe das aber trotzdem nicht mehr ausgehalten: ständig habe ich das Gefühl gehabt, dass mich der Chef wegen meiner Vorstrafen überwacht.“ Zawrel kündigt. In der Folge lebt er von Hilfsarbeiten und Kleindiebstählen; für letztere fasst er drakonische Freiheitsstrafen aus.

26. November 1975, Wien.

Heinrich Gross begutachtet im Auftrag des Landesgerichts für Strafsachen in Wien den ehemaligen Spiegelgrund-Häftling Friedrich Zawrel. Man kennt einander; Zawrel spricht Gross direkt auf dessen Tätigkeit als Arzt am Spiegelgrund an. Gross verfasst ein vernichtendes Gutachten über Zawrel; er beruft sich auf das Gutachten des Dr. Illing vom 12.1.1944 (!) [Illing wurde 1946 wegen Meuchelmords, Quälens und Misshandelns von Kindern zum Tode verurteilt und hingerichtet], sieht im Überlebenden Friedrich Zawrel einen „seelisch Abartigen“, einen „gefährlichen Rückfallstäter“, den man niemals in Freiheit entlassen dürfe. Am 25. Mai 1976 wiederholt Gross sein Gutachten in der mündlichen Hauptverhandlung. Er bescheinigt Zawrel grobe Verhaltensstörungen in Form von „Lügnereien“ und „homosexuellen Handlungen“ (gemeint ist der Missbrauch durch einen Erzieher während des Krieges!), die seine Wiedereingliederung in die Gesellschaft unmöglich machten. Wörtlich führt Gross aus: „Der Beschuldigte besitzt kaum Bindung und Sachen, er ist im Grunde genommen wurzellos geworden und es ist nicht annehmbar, dass er sich außerhalb des Strafvollzuges an irgendeinen Sozialbereich anpassen könnte. Er ist aktiv soziopathisch und als Hangtäter zu qualifizieren. Seine seelische Abartigkeit ist hochgradig.“ Infolge dieser negativen Zukunftsprognose von Gross wird Zawrel (wegen des Diebstahls von 20.000 Schilling) zu sechs Jahren Haft und anschließend zehn Jahren Anhaltung in einer Anstalt für gefährliche Rückfallstäter verurteilt.

Friedrich Zawrel, der bis dahin alles, was ihm von Medizin und Justiz angetan worden ist, hingenommen hat, setzt sich nach seinem neuerlichen Zusammentreffen mit Gross 1975 zur Wehr. Am 3.5.1976 richtet er ein Schreiben an Justizminister Christian Broda und beschwert sich darüber, dass Gross in seinem Gutachten den wegen Mordes von Kindern zum Tode verurteilten Primarius Illing zitiert. Der Minister antwortet nicht. Zawrel wird also verurteilt und in die Justizanstalt Krems-Stein eingeliefert. Eines Tages besucht der Psychiater Willibald Sluga, Berater von Justizminister Broda, Zawrel in dessen Zelle. Er fordert Zawrel auf, die Vergangenheit des Dr. Gross ruhen zu lassen. Zawrel meint: „Vor dreißig Jahren war ich ohne Geld und Unterkunft nach Wien unterwegs. Wenn ich heute mein Strafregister aushebe, stehen deswegen acht Tage Gefängnis wegen Landstreicherei drinnen. Das vergisst die Republik Österreich nicht. Aber aus der Nazi-Zeit soll man alles vergessen?“

Im Februar 1977 erstattet Dr. Otto Schiller ein Gutachten über Friedrich Zawrel. Schiller ist mit Heinrich Gross befreundet; er bestätigt dessen Gutachten und nimmt in sein eigenes Gutachten eine Würdigung des Heinrich Gross auf. Dem Friedrich Zawrel spricht Schiller jede Glaubwürdigkeit ab; Zawrels Berichte über die Folterungen am Spiegelgrund stellt Schiller in Frage. Schiller verhindert eine frühere Haftentlassung Zawrels, indem er in seinem Gutachten schreibt: „Es gilt da die Volksweisheit auch aus fachlich-wissenschaftlicher Sicht, wonach Hans nimmer lernt, was Hänschen nicht gelernt hat. Aus psychiatrischer Sicht bedarf dieser Untersuchte der ständigen Führung, Überwachung. Er kann bildlich gesprochen ohne Mieder als Stütze nicht im Leben gehen. Er kann nicht einfach so ins Leben gestellt werden. Wenn nicht enge Überwachung und Führung vorliegt, er wird abgleiten.“[1]

Herbst 1978, Haftanstalt Krems-Stein.

Friedrich Zawrel schmuggelt aus der Haft einen Brief an die Zeitung Kurier. Bald darauf besucht ihn der Journalist Wolfgang Höllriegl in der Haftanstalt. Zawrel erzählt seine Lebensgeschichte, insbesondere berichtet er über die neuerliche Begutachtung durch Heinrich Gross. Am 17.12.1978 erscheint ein Artikel im Kurier über Gross: “Ein Arzt aus der NS-Mörderklinik“. Die Dinge nehmen ihren Lauf. Dr. Werner Vogt („mein Befreier und Retter“, sagt Friedrich Zawrel) kämpft jahrelang für die Rehabilitierung Zawrels und betreibt Aufklärung über die Vergangenheit des Heinrich Gross. Gross klagt Vogt wegen Übler Nachrede. Nach einer Verurteilung in erster Instanz wird Vogt im Berufungsverfahren vom Oberlandesgericht Wien freigesprochen. Im Berufungsurteil heißt es, dass „Dr. Heinrich Gross an der Tötung einer unbestimmten Zahl von geisteskranken, geistesschwachen oder stark missgebildeten Kindern (die erb- und anlagebedingte schwere Leiden hatten) mitbeteiligt war...“. Dennoch erhebt die Staatsanwaltschaft keine Anklage gegen Gross; dieser bleibt Primarius und einer der meistbeschäftigten Sachverständigen vor österreichischen Gerichten. Die Tatsache, dass Gross 1984 aus der Liste der gerichtlich beeideten Sachverständigen entfernt wird, hält Richter des Landesgerichts für Strafsachen Wien nicht davon ab, Heinrich Gross bis 1998 laufend bei Gericht zu beschäftigen.

Der Leidensweg Friedrich Zawrels geht 1981 zu Ende: Univ.-Doz. Dr. Gerhard Kaiser, untersucht Zawrel im gerichtlichen Auftrag und kommt zu völlig anderen Schlüssen als die Vorgutachter Gross und Schiller: er konstatiert ein normales psychisches Bild, keinerlei seelische oder geistige Abartigkeit, keinen Anlass für eine Einweisung in eine Anstalt für gefährliche Rückfallstäter. Kaiser stellt zwischen den Zeilen deutlich die Gutachten von Gross und Schiller in Frage und kommt zum Schluss: „Das psychische Bild, das Friedrich Zawrel bietet, entspricht weitgehend einer Durchschnittspersönlichkeit und lässt auch erstaunlicherweise jene Apathie vermissen, welche bei Menschen, denen die Freiheit durch lange Zeit entzogen wurde, die Regel darstellt.“ Friedrich Zawrel wird am 3.9.1981 nach insgesamt 26 in behördlicher Anhaltung verbrachten Jahren aus der Haftanstalt entlassen. Er widerlegt Gross und Schiller und wird nicht mehr straffällig. Über seine Haftentlassung berichtet Friedrich Zawrel heute: „Am 27. Juli 1981 bin ich aus der Haft entlassen worden. Ich war damals 52 Jahre alt. Ich habe wieder bei meiner Mutter gewohnt, die schon in Pension war, und habe zuerst in einer Siebdruckfirma, dann in der Firma meines Bewährungshelfers gearbeitet. 1983 habe ich dann den Führerschein gemacht, der mir 1948 wegen meiner Jugendstrafe verweigert worden ist, und habe dann fünfzehn Jahre lang als Lieferfahrer gearbeitet. Das Auto konnte ich auch privat benutzen und habe am Sonntag mit meiner Mutter bis zu ihrem Tod im Jahr 1986 Ausflüge ins Waldviertel unternommen.“

23. Februar 1999, Wien.

Friedrich Zawrel muss sich erneut einer ärztlichen Begutachtung unterziehen. Im Auftrag der Magistratsabteilung 12, Referat für Opferfürsorge, kommt Zawrel zur Untersuchung, die über die Zuerkennung einer Opferrente entscheidet. Der Gutachter verliest eingangs der Untersuchung das Vorgutachten des Dr. Illing aus dem Jahr 1944 und diktiert in Anwesenheit des Friedrich Zawrel: „Betroffener stammt aus erbbiologisch und soziologisch minderwertiger Familie.“ Friedrich Zawrel will daraufhin den Raum verlassen, er kann nur mühsam zurückgehalten werden. Der Sachverständige bescheinigt eine „posttraumatische Belastungsreaktion“. Werner Vogt fasst die Beziehung des Friedrich Zawrel und der Medizin so zusammen: „55 Jahre lang verfolgte das Gutachten des hingerichteten Mörders Illing das Leben des Friedrich Zawrel. Nie war er ein Fall für die Psychiatrie, aber die Psychiatrie hat ihn fast zu Fall gebracht.“

21. März 2000, Landesgericht für Strafsachen Wien.

An diesem Tag beginnt die Hauptverhandlung gegen Heinrich Gross. Ab 1989 war mit Öffnung der Archive der DDR immer neues, belastendes Material über Heinrich Gross und den Spiegelgrund nach Österreich gelangt. Allein, die Staatsanwaltschaft Wien reagiert nicht. 1998 bringt das Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes (erneut) eine Anzeige gegen Heinrich Gross ein. Das Justizministerium unter Minister Nikolaus Michalek setzt dem unwürdigen Spiel ein Ende, ordnet das Beweismaterial und gibt den Auftrag, Gross anzuklagen. Die Staatsanwaltschaft Wien legt im April 1999 eine 57-seitige Anklageschrift gegen Heinrich Gross wegen des Verdachts des Verbrechens des Mordes als Beteiligter nach den §§ 12, 75 StGB vor und führt neun Kinder an, die im Sommer 1944 durch Handlungen oder Unterlassungen des Angeklagten zu Tode gekommen seien.

Am 21.3.2000 wird im Landesgericht für Strafsachen Wien der Geschworenenprozess gegen Gross eröffnet. Ein Gutachter stellt die Verhandlungsunfähigkeit des anwesenden Angeklagten fest; die Hauptverhandlung wird auf unbestimmte Zeit erstreckt. Heinrich Gross gibt gleich darauf in einem Kaffeehaus ein Fernsehinterview. Ein zweites Gutachten stellt fest, dass sich Gross nur dreißig Minuten lang durchgehend konzentrieren könne. Eine Hauptverhandlung wird nicht mehr anberaumt.[2]

Frühjahr 2002, Wien.

Friedrich Zawrel beantragt die vorzeitige Tilgung seiner Vorstrafen im Gnadenweg. Die Tilgungsfrist ist noch nicht abgelaufen, für Friedrich Zawrel ist es aber wichtig, endlich mit seiner Vergangenheit ins Reine zu kommen und unbelastet davon zu leben. Das Justizministerium unter Minister Böhmdorfer spricht sich in seiner Stellungnahme für die Präsidentschaftskanzlei gegen eine vorzeitige Tilgung im Gnadenweg aus; zur Begründung wird auf Akten der Nazis und aus der unmittelbaren Nachkriegszeit verwiesen(!). Die empörten Reaktionen einiger Freunde Friedrich Zawrels zeigen Wirkung: die Polizei kommt bei Zawrel vorbei, um „Erhebungen zu tätigen“. Nach wenigen Tagen erhält Friedrich Zawrel die Verständigung über die vorzeitige Tilgung der Vorstrafen durch Entschließung des Bundespräsidenten vom 9.4.2002 und einen Auszug aus dem Strafregister: es scheint keine Verurteilung auf.[3]















[1] Die Gutachten von Gross und Schiller sind in der Zeitschrift FORUM vom Juli/August 1981 veröffentlicht worden; vor allem das Schiller-Gutachten wird durch seine ebenso gehässige wie einfältige Argumentation gegen Zawrel zum zeitgeschichtlichen Dokument (Schiller führt zur Untermauerung des Gross-Gutachtens etwa an, dass Gross im Proponentenkomitee für Bundespräsident Jonas vertreten war).
[2] An weiterführender Literatur zum Fall des Dr. Heinrich Gross sind zu nennen: Groß bleibt groß nicht und klein nicht das Kleine, Eingriffe (Informationen der AG Kritische Medizin und des AK Kritische Medizin-Innsbruck) Nr. 13/14 (1./2.Quartal 1980); Werner Vogt, Arm-krank-tot, Europa Verlag (1989); Alois Kaufmann, Spiegelgrund-Pavillon 18. Ein Kind im NS-Erziehungsheim, Verlag für Gesellschaftskritik (1993); Johann Gross, Spiegelgrund. Leben in NS-Erziehungsanstalten. Ueberreuter (2000); Werner Vogt, Euthanasiearzt und Gerichtsgutachter. Zwei Möglichkeiten der Ausübung von Gewalt gegen Menschen. Literaturzeitschrift Wespennest Nr. 119, 2000 (S. 89-104); Werner Vogt, Der verhandlungsunfähige Kläger. Heimatkunde im Gerichtssaal. Literaturzeitschrift Wespennest Nr.  121, 2000 (S. 20); Werner Vogt, Das spät bereitete Grab. Literaturzeitschrift Wespennest Nr.127, 2002 (S. 22).
[3] Der Artikel basiert auf zwei Gesprächen mit Friedrich Zawrel am 15. Mai und 13. September 2002, auf die Einsicht in Aktenkopien und auf Informationen, die Dr. Werner Vogt freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat. Aufschlüsse hat mir weiters das Buch von Oliver Lehmann/Traudl Schmidt, In den Fängen des Dr. Gross – Das misshandelte Leben des Friedrich Zawrel,  Czernin-Verlag (2001), geliefert. Mein besonderer Dank gilt neben Dr. Werner Vogt auch Dr. Karin Mosser, die mich zur Kontaktaufnahme mit Friedrich Zawrel ermuntert hat; vor allem aber habe ich Friedrich Zawrel für seine Bereitschaft zu danken, so offen über sein Leben zu sprechen.