08.11.2012

Manfred Maiwald, Einführung in das italienische Strafrecht und Strafprozessrecht - Rezension für das Journal für Strafrecht, Nr. 4/2012





Im zusammenwachsenden europäischen Rechtsraum gewinnen die Rechtsvergleichung und die Beschäftigung mit fremden Rechtssystemen zunehmend an Bedeutung. Manfred Maiwald ist emeritierter ordentlicher Professor für Strafrecht, Strafprozessrecht und Rechtsvergleichung in Göttingen und hat bereits früher zum italienischen Recht publiziert. Nun bietet er eine Einführung in das italienische Strafrecht und Strafprozessrecht, die für die wissenschaftliche Befassung und die Strafrechtspraxis gleichermaßen geeignet ist. Teil 1 der Monografie behandelt das materielle Strafrecht, mit Schwerpunkt auf dem allgemeinen Teil des Strafgesetzbuches. Nach einem kurzen Abriss der Geschichte des italienischen Strafrechts werden die Grundprinzipien des italienischen Strafgesetzbuches, des Codice Rocco, sowie die Lehren zu Tatbeständen, Handlung, Erfolg, Kausalität, Zurechnung, Vorsatz, Fahrlässigkeit, Rechtfertigungsgründen und Versuch übersichtlich dargestellt. Dabei werden die verschiedenen wissenschaftlichen Theorien und Ansätze beschrieben, dies in einer sprachlich einfachen, stets leicht lesbaren Form – ein besonderer Vorzug der Publikation.



Der zweite Teil ist dem Strafprozessrecht gewidmet und wird wiederum den wissenschaftlichen Leser wie den Praktiker gleichermaßen ansprechen. Für die österreichische Leserschaft wird von besonderem Interesse sein, dass die italienische Strafprozessreform des Jahres 1988/1989 viele Fragen entschieden hat, die in Österreich unter dem Titel der Hauptverfahrensreform noch in Diskussion stehen. So hat Italien mit seiner neuen Strafprozessordnung etwa das früher ähnlich wie in Österreich inquisitorisch geprägte Hauptverhandlungsschema zu Gunsten des amerikanischen System des Parteienprozesses und des Kreuzverhörs aufgegeben. Gleichzeitig wurde eine Vielzahl abgekürzter Verfahrensvarianten eingeführt, die im Buch skizziert werden. Unter anderem erhält der Leser die grundlegenden Informationen über die italienische Form des plea bargaining. Das italienische Recht hat sich für eine Vereinbarung zwischen Staatsanwaltschaft und Verteidigung entschieden, die vom Gericht genehmigt werden muss. Für den österreichischen Leser beachtlich ist auch die Information über den allgemeinen Verteidigerzwang in sämtlichen Strafverfahren in Italien sowie über die breite Palette an Sicherungsmaßnahmen, die als Alternative zur Untersuchungshaft dienen. Der Autor vergisst auch nicht auf jenes Themengebiet, das im Zusammenhang mit dem Strafrecht zu Italien zumeist zuerst assoziiert wird, nämlich den Kampf gegen das Organisierte Verbrechen. Maiwald behandelt die sogenannte Procura Antimafia und geht auf die garantierte Unabhängigkeit der italienischen Staatsanwaltschaften ein. Auch dies ist im Lichte der heimischen  Diskussion über die Weisungsgebundenheit der öffentlichen Anklage von besonderem Interesse. 

Insgesamt bildet die Monografie einen idealen Einstieg in die Beschäftigung mit der italienischen Strafrechtsordnung, wobei die Mitanführung der meist einprägsamen italienischen Termini sehr hilfreich ist. Die Klarheit der Darstellung, die Praxisnähe und die zahlreichen Hinweise auf weiterführende Literatur verdienen besondere Erwähnung. Ein sorgfältigeres Lektorat wäre dem Buch zu wünschen gewesen, es hätte die nicht wenigen Schreibfehler vermeiden können. 

             Dr. Oliver Scheiber