11.06.2012

Zeitzeugengespräch mit Gert Hoffmann


Gert Hoffmann, geb. 1917, war bereits in den 1930er-Jahren politisch aktiv und im Widerstand gegen den Austrofaschismus. Ab 1933 wurde er mehrmals verhaftet, im Februar 1938 amnestiert. Am Vorabend des Einmarsches der Nationalsozialisten in Wien war er unter denen, die zum Widerstand gegen die Besetzung aufriefen. 1938 emigrierte er in die damalige Tschechoslowakei und von dort nach Spanien, um mit den Internationalen Brigaden am Kampf für die Spanische Republik teilzunehmen. 1939, nach der Niederlage in Spanien, verbrachte Gert Hoffmann mehrere Jahre in französischen Internierungslagern, arbeitete im inzwischen von der Wehrmacht besetzten Frankreich bis 1943 als Landarbeiter und Holzfäller und kämpfte bis Kriegsende im französischen Widerstand.

Gert Hoffmann wurde nach der Befreiung in die US Army aufgenommen und war unter den ersten Befreiern, die Deutschland betraten. Er kehrte nach Kriegsende nach Österreich zurück. In den 1970er Jahren gründete er ein kleines Gewerbeunternehmen, engagierte sich gleichzeitig in Kuba und Nicaragua als Entwicklungshelfer.

Gert Hoffmann hat seine bewegte Lebensgeschichte aufgeschrieben. Das Buch „Barcelona, Gurs, Managua - Auf holprigen Strassen durch das 20. Jahrhundert“ ist ein faszinierendes Zeitdokument.

Am 14. Juni 2012, um 11 Uhr, kommt Gert Hoffmann zu einem Zeitzeugengespräch an die Wiener Handelsakademie ibc in der Hetzendorfer Strasse 66-68. Die Veranstaltung findet in Zusammenarbeit von ibc und Bezirksgericht Meidling statt.





Geleitwort zur Veranstaltung

Die Zeit des Nationalsozialismus markiert den dunkelsten Abschnitt der österreichischen Geschichte. Das bis heute in Worte nicht fassbare Ausmaß der Verbrechen des NS-Regimes bleibt für Staat und Gesellschaft auch in Zukunft Mahnung und Herausforderung zugleich. Die Lehre aus der Geschichte kann für die Republik Österreich nur darin liegen, alle Anstrengungen zu unternehmen, Frieden und Demokratie zu erhalten. Justiz und Schule kommt dabei zentrale Bedeutung zu: ist es doch die klassische Aufgabe der Justiz, den Rechtsfrieden zu bewahren, die Fähigkeit unter Beweis zu stellen, kleinere und größere Konflikte gewaltfrei zu lösen. Und klassische Aufgabe der Schule, der Jugend die Voraussetzungen eines demokratischen und friedlichen Miteinanders zu vermitteln, junge Menschen zu kritischen, selbstbewussten Bürgerinnen und Bürgern zu erziehen.

Aus diesen Gründen ist es für mich naheliegend, dass Justiz und Schule bei Demokratieprojekten zur Zusammenarbeit berufen sind. Und nachdem ich im Dezember 2011 erstmals über Gert Hoffmann in der Tageszeitung KURIER gelesen hatte, war es zur Idee einer Veranstaltung an einer Wiener Schule kein weiter Weg. Ich besorgte mir die Autobiographie Gert Hoffmanns, kontaktierte ihren Autor und durfte ihn in seiner Heimatgemeinde Markt Piesting in Niederösterreich besuchen. Gert Hoffmann vereinigt in sich all das, was die Demokratie, gerade heute, so dringend benötigt: solidarisches, internationales Denken, Toleranz und Respekt vor anderen – und Kampfgeist und Leidenschaft für diese demokratischen Werte.  

Gert Hoffmann gehört zu den letzten Überlebenden der Grauen von Weltkrieg und Faschismus: deshalb ist es so wichtig, dass junge Menschen Gelegenheit haben, ihm zuzuhören, ihm Fragen zu stellen. Kein Buch, kein Film kann so eindringlich und authentisch vermitteln, was Zeitzeugen wie Gert Hoffmann aus eigener Erfahrung berichten.

In diesem Sinne danke ich der Wiener Handelsakademie ibc für das Zusammenwirken bei dieser Veranstaltung. Der Dank gilt im weiteren natürlich vor allem Gert Hoffmann, aber auch seinen Töchtern Cornelia Hoffmann und Marion Hoffmann, die bei der Vorbereitung der Veranstaltung maßgeblich mitgeholfen haben. Verbunden bin ich auch Sergio Barizza und der Vereinigung Terra Antica in Venedig, die Gert Hoffmann 2009 eingeladen hatten und die nachfolgend abgedruckten Texte damals in einer Broschüre zusammengeführt haben. Anlass der Einladung an Gert Hoffmann war die italienische Festa delle liberazione (Fest der Befreiung) – in Österreich erinnert uns der Begriff daran, dass das Jahr 1945 viel zu wenig als Jahr der Befreiung im Bewusstsein verankert ist, und dass die amerikanischen, französischen, englischen und russischen Soldaten in eben dieser Eigenschaft nach Österreich kamen: als Befreier. Und auch für Gert Hoffmann hat die liebevoll gestaltete Broschüre der Terra Antica die treffendste Charakterisierung gefunden: Gert Hoffmann – ein europäischer Antifaschist. 

Dr. Oliver Scheiber, Vorsteher des Bezirksgerichts Meidling